Ein Blick zurück

Es ist etwas über acht Jahre her, als Gott mir besonders Gamer aufs Herz gab. Damals erinnerte er mich an eine Szene, die ich ein paar Jahre zuvor erlebt hatte: Als ich das letzte Mal etwas über meinen Clan schrieb, sagte ich “selbst #Trolle durften Teil des Ganzen sein (auch wenn sie alle Nase lang temporäre Banns bekamen)”. Vor Augen habe ich zwei Jungs, die sich sehr gut darauf verstanden, die Atmosphäre zu vergiften, den Spielspaß zu rauben, Unfrieden im Clanforum zu stiften und doch irgendwie von allen geduldet zu werden. Dulden heißt, dass sie miteinandern spielten, weil es sonst quasi niemand tun wollte. Quasi, weil ich einer von vllt vier aus 80 Clanmembern das doch hin und wieder tat. Zu dieser Zeit hatte ich aus eigener Entscheidung mit dem Glauben persönlich nichts am Hut. Ich ging lediglich in die Kirche, weil mein Vater Jugendleiter war, aber ich setzte mich in eine Ecke und ignorierte alles oder heuchelte Interesse nur vor, indem ich mich mit dem Wissen beteiligte, dass ich seit frühster Kindheit gesammelt hatte.

Eines Tages fragten mich die beiden Jungs, ob ich noch eine Runde CounterStrike spielen wolle, woraufhin ich antwortete, dass ich jetzt zur Kirche müsse. Auf die verblüffte Nachfrage, ob ich “so ein Gläubiger” sei, erzählte ich einfach, was ich von Kind an gelernt hatte: Es geht um Beziehung und nicht darum in die Kirche zu gehen; da ist ein Gott, der dir Gutes möchte, weil er dich liebt und ihm ist egal, was du bisher gemacht hast. Erst später verstand ich, dass ich mir an dem Tag auch selbst predigte. Im unserem TS-Kanal passierte dabei etwas wunderbares: aus zwei Trollen wurden für die nächste Stunde zwei interessierte Zuhörer und konstruktive Diskutierer, die sich auf höchstem Niveau und von selbst plötzlich an Gesprächsregeln hielten und von sich aus ein ernsthaftes, tiefes und bedeutungsvolles Gespräch starteten.

Warum nehmen Christen ihren Glauben nicht ernst?

Schon damals ist mir immer wieder aufgefallen, dass ich es oft mit sehr kaputten Menschen zu tun habe. Die Leute, mit dem Schlimmsten Verhalten, sind oft die Leute mit den stärksten Verletzungen. Ich habe allein in meiner Clanzeit mit so vielen 16-Jährige gesprochen, die keinen Vater hatten, deren alleinerziehende Mutter völlig überfordert war und denen unser System, bspw. in Form von Schule, eher im Nacken saß, als sie aufzufangen. Wir MainQuestler haben den Verein 2014 gegründet. Seitdem bin ich in einigen Gemeinden und auf so mancher christlicher Veranstaltung gewesen. Immer wieder habe ich diese Geschichte erzählt; von einem der nicht glauben wollte und den Gott dennoch auf eindrucksvolle Weise benutzte, weil sonst niemand da war. Wenn ich fertig bin, dann wird gerne für mich und unseren Verein gebetet. Von allen Fragen, die mir aber danach gestellt wurden, richteten sich danach stets die Meisten an meine Legitimation von CounterStrike oder mein Wissen zu den Gefahren des Zockens. Ich verstehe ja, woher das kommt, aber es ist mir ein Rätsel, warum Christen eher nach den Risiken des Spielens, als nach den Möglichkeiten ihres Glaubens fragen. Wir haben nicht den Auftrag, die Welt in eine Moral zu protestieren, sondern sie zur rettenden Schönheit Christi hinzulieben. Wenn wir so viel Angst davor haben, dass unsere Jugendlichen Probleme bekommen, dann sollten wir dringend uns selbst reflektieren: anscheinend vertrauen wir unseren eigenen Programmen und Konzepten nicht, mit denen wir versuchen, junge Christen in einen starken und mündigen Glauben zu begleiten.

Zeit, dass sich was ändert

Letztes Jahr habe ich jeden Donnerstag mit zwei Jungs gespielt, die ich beim Zocken kennengelernt habe. Die 16-Jährigen Jungs von damals waren diesmal Mitte bis Ende 20 und geändert hatte sich nichts. Kaputter Rücken, Mutter noch immer überfordert, Oma muss gepflegt werden, psychische Probleme. Meinem Glauben gegenüber hart. Meinen Fragen, meiner Freundschaft gegenüber weich…wieder wollte mich Gott gebrauchen – und noch immer war sonst keiner da. Ich glaube, es ist Zeit, dass unsere Gemeinden und Werke vermehrt darauf bauen, ihre junge Generation freizusetzen, statt sie einfach nur im Glauben beschützen zu wollen. Wir brauchen Leiter, die darin unterstützen, dass Christen echte Beziehungen bauen und proaktiv darin investiert sind, die Verletzungen ihrer Mitmenschen nicht nur wahrzunehmen, sondern sich voller Liebe und Hingabe dieser Menschen anzunehmen; unter Sportlern, unter Business-Leuten, unter Hafenarbeiter, unter … und – festhalten – auch unter Gamern.

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