Krasse Aussage, ich weiß. Aber lass‘ sie mich kurz erklären.

Weißt du, wann du das erste Mal gespielt hast? Na? Richtig, spätestens kurz nach deiner Geburt. Du hast begonnen, herumzuschauen und viiiiele Sachen zu entdecken. Alles ist neu und spannend. Im ersten Lebensjahr fingst du an, das Leben zu begreifen – also wortwörtlich. Einen Finger greifen, einen Holzring greifen; du verstehst. Dann, nach etwas mehr Zeit begannst du zu träumen und gestalterisch zu denken. Du hast dir erste Ziele gesetzt. Vielleicht stammen deine ersten Erinnerungen aus der Zeit kurz danach und beinhalten Verkleidungen. Das Abtauchen in die Fantasie war für dich sehr wichtig, weil du so Erlebnisse in einem sicheren Kontext verarbeiten konntest. Zu dieser Zeit hast du auch gelernt, dass Regeln einen Sinn haben, beispielsweise bei deinem ersten Brettspiel, das definitiv vielleicht „Mensch ärgere dich nicht“ hieß. Und ich hoffe, dass du auch gelernt hast, dass man Regeln auch brechen und neu konstruieren kann. All das geschieht für jeden Menschen auf der ganzen Welt. Die Unterschiede betreffen nur die Gegenstände, die benutzt werden, aber die Entwicklung ist dieselbe. Du findest es in allen Kulturen und allen gesellschaftlichen Schichten. Niemand hat uns dieses Verhalten beigebracht. Es ist in uns angelegt.

Was ich gerade beschrieben habe ist die Art, wie wir natürlich agieren. Es die Art wie wir die Wechselwirkung zwischen Ich und Welt begreifen. Und was hat das mit dem spielen zu tun? Salen und Zimmerman definieren ein Spiel so:

„Ein Spiel ist System, in dem sich Spieler an einem künstlichen, von Regeln definierten Konflikt beteiligen, der in einem messbaren Ergebnis resultiert.“

Rules Of Play

Alle genannten Aspekte des in uns angelegten Verhaltens sind für das Spielen an sich typisch. Eine logische Schlussfolgerung daraus ist, dass das Leben ein Spiel ist. Wir sind Spieler, die sich an einer Vielzahl künstlicher Konflikte beteiligen, die von Regeln definiert sind (unabhängig davon, ob wir sie kennen) und immer wieder schauen wir auf die Ergebnisse dessen, was wir gerade tun.

Dieses Verständnis des Spielens als Grundlage menschlichen Verhaltens ist als „homo ludens“ bekannt – der spielende Mensch. Es ist ein Erklärungsmodell dafür, wie wir Fähigkeiten entwickeln, unsere individuellen Eigenschaften entdecken, unsere Persönlichkeit entfalten, mit der Welt interagieren, Erfahrungen sortieren und schlussendlich unseren Sinn finden. Schiller fasst das so zusammen:

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

15. Brief Über die ästhetische Erziehung des Menschen

Das Leben zeichnet sich dadurch aus, dass etwas – bildlich gesprochen – aufblüht. Wenn das Leben ein Spiel ist, dann muss es gespielt werden. Wer also nicht spielt, der lebt nicht. Das zeigt sich beispielsweise deutlich beim Thema Abhängigkeit. Wer zwanghaft an etwas gebunden ist, der blüht – mindestens in diesem Bereich – nicht auf. Indikatoren für ein aufblühendes Leben sind spielerische Aspekte wie Neugierde, Ziele setzen und verfolgen, Fantasie und Kreativität, Ausprobieren und Konstruieren. Spielen – und somit Leben – ist immer aktiv. Man könnte in diesem Zusammenhang also sagen, dass das Problem beispielsweise des Gamingabhängigen nicht darin besteht, zu viel zu spielen (was eine typische Angst von Eltern ist), sondern darin, dass er aufgehört hat zu spielen.

Konsum macht träge, aber spielen belebt – und deshalb möchte ich dich ermutigen, so viel zu spielen wie du kannst. Dem Spielen wohnt eine kindliche Leichtigkeit inne. Mit ihr wirst du überall Schätze entdecken und das Leben gewinnt an Wert.

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